„Wir werden eine Revolution in der Krebsmedizin erleben“

Was ist eigentlich das Immunsystem und welche Rolle spielt es in der Therapie von Krebs oder anderer schwerer Erkrankungen? Anlässlich des Internationalen Tags der Immunologie am 29. April 2016 klärt Immunologe Professor Dr. Philipp Beckhove wichtige Fragen zum aktuellen Wissensstand und den Zukunftsvisionen der Immunmedizin.

Ein starkes Immunsystem schützt davor, krank zu werden – das weiß vermutlich jeder. Doch was ist das menschliche Immunsystem eigentlich genau? Neben der Abwehr von Krankheitserregern hat es sowohl bei der Kontrolle als auch der Therapie von Krebs- und Autoimmunerkrankungen sowie in der Organ- und Stammzelltransplantation eine zentrale Bedeutung. Gezielte Eingriffe in das Immunsystem finden heute bereits vielfältig in der Medizin statt. So konnten in den vergangenen Jahren beispielsweise die Heilungsrate bei Lymphdrüsenkrebs durch begleitende Antikörpertherapien und das Überleben nach Organtransplantationen deutlich verbessert werden. Professor Dr. Philipp Beckhove ist Direktor des Regensburger Centrums für Interventionelle Immunologie der Universität Regensburg und Inhaber des gleichnamigen Lehrstuhls. Zum Internationalen Tag der Immunologie gibt er Einblick in die immunologische Forschung in Regensburg und zeigt Perspektiven für den künftigen Einsatz von Immunmedizin auf.

Herr Professor Beckhove, was bedeutet der Tag der Immunologie für die immunologische Forschung in Regensburg?

Beckhove: Der Internationale Tag der Immunologie verdeutlicht die zentrale Rolle, die das Immunsystem für unsere Gesundheit spielt. So ziemlich jedem ist bekannt, dass das Immunsystem Krankheitserreger aus der Umwelt abwehrt. Aber das Immunsystem kann noch viel mehr. Es ist ein sensibles Kontrollsystem, das den Gesundheitszustand von Zellen und Organen im Körper misst und auf Schädigungen reagiert. Diese Reaktionen sind entscheidend bei der Kontrolle und Bekämpfung vieler Krankheiten wie etwa Krebs, Autoimmunerkrankungen oder Transplantatabstoßungen. 
Die immunologische Forschung hat besonders in diesen Bereichen in den letzten Jahren gewaltige Fortschritte gemacht. Dies gilt auch für die Entwicklung neuer Behandlungskonzepte. Regensburg hat sich auf diesem Gebiet in den vergangenen Jahren eine nationale Vorreiterrolle erarbeitet, die durch die Gründung des RCI weiter ausgebaut werden soll. Hierzu bündelt das RCI die wissenschaftlichen und klinischen Kompetenzen in Regensburg, holt weitere, international ausgewiesene Wissenschaftler und Ärzte an den Standort und entwickelt eine optimale Forschungsinfrastruktur für die gemeinsame Entwicklung neuer Therapien. Dadurch können wir ein internationales Ausrufezeichen setzen und weiter daran arbeiten, durch ein tieferes Verständnis des Immunsystems in Zukunft schwere Krankheiten besser behandeln zu können.

Welche Projekte verfolgt das RCI derzeit?

Beckhove: Unser Fokus liegt auf der Entwicklung von Immunzelltherapien bei Krebs, bei Transplantatabstoßungen und bei Autoimmunerkrankungen. 
Dabei werden Zellen des Immunsystems zunächst außerhalb des Körpers in die Lage gebracht, bestimmte Krankheiten gezielt zu bekämpfen, bevor sie dann zur Behandlung der Patienten eingesetzt werden. Mittlerweile wissen wir, dass solche Immuntherapien bei einer Reihe schwerer Erkrankungen sehr wirksam sein können. Wir wissen aber noch nicht gut genug, unter welchen Bedingungen und wie sie genau wirken. Hier setzt das RCI an: Durch unsere Forschungsarbeit wollen wir besser verstehen, wie Immunzellen Erkrankungen heilen und dieses Wissen gezielt für die Therapieentwicklung einsetzen. 
Wir sind hierbei bereits erfolgreich: So laufen mehrere klinische Studien, bei denen durch die gezielte Gabe von Immunzellen die Abstoßungsreaktionen nach Stammzell- und Lebertransplantationen gedämpft werden.
Weitere klinische Studien zum Test von Zellmedikamenten bei soliden Tumoren und der Einsatz gentechnisch aufbereiteter Immunzellen bei Leukämie befinden sich in Vorbereitung. 
Um eine optimale Vernetzung unserer Forschung zum besseren Verständnis der Immunmechanismen und zur Therapieentwicklung zu gewährleisten, ist es wichtig, neue, international führende Köpfe auf diesem Gebiet nach Regensburg zu holen.
Mit der finanziellen Förderung des Freistaates Bayern ist außerdem der Bau eines Forschungsgebäudes für das RCI in Planung, in dem die verschiedenen wissenschaftlichen Arbeiten noch stärker vernetzt werden können. Die Grundsteinlegung wird voraussichtlich bereits gegen Ende dieses Jahres erfolgen.
Damit der weitere Ausbau des RCI und dessen Forschungsaufgabe langfristig gesichert werden kann, wollen wir das RCI mittelfristig in ein außeruniversitäres Institut umwandeln und in die Leibniz-Gemeinschaft überführen.

Der Immunologie wird eine große Zukunft vorhergesagt. Welche Perspektiven sehen Sie in der Immunmedizin für künftige Therapieoptionen?

Beckhove: Wir befinden uns an der Schwelle einer Ära, in der die Immunmedizin die Krebstherapie dominieren wird. Wir wissen bereits, dass Krebs eine Erkrankungsform ist, die grundsätzlich durch das Immunsystem kontrolliert werden kann und beginnen zu verstehen, wie und unter welchen Bedingungen das funktioniert. In den nächsten zehn Jahren werden wir eine Revolution in der Krebsmedizin erleben. Auf der Basis von Medikamenten, die das Immunsystem stärken oder gezielt aktivieren, werden  große Verbesserungen der Überlebensraten erzielt werden können.
Aber der Anwendungsbereich der Immunmedizin geht weit über die Krebstherapie hinaus: Wir haben beispielsweise ein großes Problem bei Transplantatabstoßungen, die bisher nicht oder nicht ausreichend behandelbar sind. Mit einem besseren Verständnis von Abstoßungsreaktionen sind wir auch hier in der Lage, gezielt Medikamente zu entwickeln, die diese Reaktionen verhindern.
Einen Durchbruch hinsichtlich der Therapieoptionen erwarten wir darüber hinaus bei Autoimmunerkrankungen wie Diabetes oder Multiple Sklerose.
Was die langfristigen Perspektiven betrifft, sollte bedacht werden, dass krankhafte Veränderungen des alternden Menschen wie beispielsweise eine fehlerhafte Geweberegeneration bei degenerativen Erkrankungen auch durch das Immunsystem beeinflusst werden. Ich erwarte, dass Immuntherapien auch in diesen Fragen eine positive Wirkung entfalten können.

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